Fünf Minuten bis zur Wand, schönes Gestein, eine Route nach der anderen, perfekt abgesichert, nette Gegend. Schnell den Rucksack auspacken, rein in Gurt und Schuhe, anseilen und los geht’s. Die meisten Routen halten das, was ihr Anblick verspricht. Fest, griffig, tolle Bewegungen. Wir sind begeistert.
Unterwegs in Sachen Fels. Das Gebiet würde sich bestens machen in unserem neuen Kletterführer. Den Tip für den Klettergarten haben wir von Locals erhalten. Von Locals kam dann leider auch die Absage: "Auf keinen Fall veröffentlichen! Möglicherweise steht dann eine komplette Sperrung ins Haus! Wir haben Vereinbarungen getroffen mit Anwohnern, mit den Behörden, mit dem Förster, den Jägern usw. Die Kletterei an dem Fels muß sich in Grenzen halten, dann ist’s o.k." Schließlich sahen wir davon ab, das Gebiet aufzunehmen. Ein Einzelfall? Keineswegs!
Weitverbreitet sind solche ‚Strategien‘ unter ‚Locals‘, wenn es darum geht, daß ‚ihr‘ Gebiet einer breiteren Öffentlichkeit (der Kletterszene) bekannt gemacht werden soll. Da drängen sich gleich mehrere Fragen auf: Stimmen die Argumente, mit denen die ‚Locals‘, immerhin meist in ähnlicher Weise, ihr Territorium verteidigen? Fahren die nicht auch in Gebiete, auf deren Veröffentlichung sie letztlich ebenso angewiesen sind? Haben ‚Locals‘ eigentlich das Recht, ihren Klettergarten als ‚ihr Territorium‘ anzusehen? Endgültig lassen sich die Fragen freilich nicht beantworten. Vielleicht kommen wir aber einen Schritt weiter, wenn wir mal einen ganz naiven Blick wagen.
Wir haben da ein paar Leutchen, die nennen sich Kletterer. Nun gibt es die Kocheler Kletterer, die Berchtesgadener Kletterer, die Schleierkletterer, die Frankenjurafreaks usw. Jedem Tierchen sein Plaisirchen. Die Kocheler klettern viel in Kochel, wissen viel über die Felsen bei Kochel und bilden so eine lokale Szene. In der Szene kennt man sich, man trifft sich immer wieder an den heimischen Felsen, geht zusammen in Kneipen, Diskos oder auf Feste. Solche Kletterer sind ‚Locals‘, sozusagen Kletterer ‚vom alten Schlag‘: Klettern ist mehr als ein Hobby, es ist eine Art Passion. Klettern ist Selbstverwirklichung. Klettern ist ein wichtiges Stück Leben. Locals fühlen sich in ihrem Gebiet daheim, sie fühlen sich dafür auch verantwortlich. Sie wollen, daß ihre Vorstellung von dem, was Klettern ausmacht, zumindest in ihrem Gebiet erhalten bleibt. Sie wollen ihre lokale Kletter-Kultur bewahren. So weit, so gut.
Im Zuge der flächendeckenden Verbreitung von künstlichen Kletteranlagen hat sich nun ein weiterer Typus Kletterer breit gemacht. Der findet den Einstieg ins Klettern eben nicht in diesem oder jenem Klettergebiet, sondern an einer künstliche Kletteranlage. Dort findet er immer mehr Gefallen an der Ästhetik der Bewegungen. Daß diese Moves an künstlichen Wänden stattfinden, ist zunächst einmal nicht so wichtig. Klettern macht einfach Spaß. Klettern ist Genuß an der Bewegung, ist Spaß am Erfolg. Reduktion auf das Wesentliche. Trotzdem kommt der Wunsch auf, das Erlernte an natürlichen Felsen auszuprobieren. Wo gibt es Gebiete, die einen Besuch lohnen? Wie kann ich davon erfahren?
Den Locals ist dieser Typus Kletterer suspekt. Ihm fehlt ja schließlich der Bezug zur Natur, zur konkreten Schönheit des eigenen Gebietes.. Der hat ja kein Umweltbewußtsein, teilt keineswegs den tieferen Sinn des Kletterns und macht schließlich die Kletterkultur kaputt. Auf jeden Fall muß verhindert werden, daß Heerscharen solcher ‚Konsum-Kletterer‘ über das wohlbehütete, eigene Kleinod hereinbrechen. Das wirksamste Mittel ist die Verhinderung der Veröffentlichung des eigenen Gebietes in einem Kletterführer. Das heißt übrigens nicht, daß andere Kletterer nicht willkommen wären. Jede lokale Szene freut sich über Besuche, aber eben von ‚wirklichen‘ Kletterern. Die kommen auch, denn keine lokale Szene ist hermetisch abgeriegelt. Zwischen ‚wirklichen‘ Kletterern existiert ein weitverzweigtes Netzwerk, innerhalb dessen sich das Wissen über gute Gebiete in Form von Mund-zu-Mund-Proppaganda wie ein Lauffeuer ausbreitet. Davon sind aber die ‚Kunstwand-Turner‘ und ‚Hobby-Kraxler‘ weitgehend ausgeschlossen.
Wenn wir also auf die Kletter-Welt schauen, so treffen wir auf zwei Lager, zwischen denen eine Kommunikationslücke klafft. Die einzig momentan bestehende, wirksame Brücke hat den merkwürdig klingenden Namen ‚Kletterführer‘ (was das Internet uns beschert, wissen wir noch nicht so genau).
Diese Brücke bleibt für viele Locals äußerst unerwünscht. Und zwar deswegen, weil hier ein Kulturkampf ausgefochten wird: Ernsthafte, traditionelle, tiefgründige und naturverbundene Ideologie hie – leichtfüssige (nicht: leichtsinnige) Erlebnis-Orientierung da. Alle Argumente, die von Locals gegen Veröffentlichungen vorgebracht werden (am liebsten: drohende Sperrung), sind unseres Erachtens Legitimationen für ein Handeln, das eigentlich auf den Erhalt der traditionellen Ideologie hin angelegt ist. Man schließt die vermeintlichen Anhänger der ungeliebten Erlebnis-Haltung einfach durch Kommunikationsverweigerung aus, dadurch bleiben die weg und man muß sich nicht weiter damit auseinandersetzen, daß die schönen Cliches nicht so recht funktionieren wollen. Das ist nicht verwerflich (wenn auch etwas altmodisch) – aber recht aussichtlos, wie wir von vielen Beispielen aus anderen Szenen wissen. Man denke nur an die Kommerzialisierung von Grunge oder die Diffusion von Graffiti in die Werbeästhetik: Keiner der ‚echten‘ Szenegänger wollte eine solche Entwicklung, und doch war sie nicht zu verhindern.
Uns ist zu Ohren gekommen, daß es Klettergebiete geben soll, die vollständig gesperrt wurden – worüber die Locals gar nicht so unglücklich sind: Inoffizielle Agreements erlauben ihnen das Klettern und eine Veröffentlichung ist dadurch ausgeschlossen. Wenn der Schuß mal nicht nach hinten los geht...